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Mitteilungen: 20. 11. 2007

Anlässlich der Vorkommnisse um den 20. November 2007 richtete Schulleiter Ottmar Seibold einen Brief an alle Schülerinnen, Schüler, die Studierenden, die Eltern und alle Kolleginnen und Kollegen der Schulgemeinde der Wilhelm-Knapp-Schule:

Amok-Androhung

„Ich laufe Amok am 20.11.2007“, so stand es geschrieben an einer Wand im Treppenaufgang im A-Bau vom 2. in den 3. Stock. Was hat diese Aufschrift bewirkt? Was wollte der Schreiber bewirken?

Am 19.11.07 wurde diese Aufschrift von Schülern entdeckt und unserem Abteilungsleiter Klaus Jung mitgeteilt. Es wurde die Polizei und das Staatliche Schulamt verständigt. Gespräche mit Schülern in noch vorhandenen Klassen, ob jemand Hinweise geben könne, ergaben nur Fehlanzeigen. Gesehen hat keiner etwas – gesagt auch nicht. Hinweise auf konkrete Drohungen lagen der Schulleitung ebenfalls nicht vor. Es folgten Gespräche mit den ermittelnden Polizeibeamten und dem Dienststellenleiter der Polizei in Weilburg. Bis abends 21.30 Uhr wurden Telefonate mit Dienstvorgesetzten und der Polizei geführt und abgewogen, ob Unterricht stattfinden sollte.

Aufgrund der wenig konkreten Hinweise und den Abwägungen wurde die Gefahrenlage nicht als gravierend bewertet. Der Unterricht wurde nach Beratung mit dem Krisenteam und nach sehr ausführlicher Beratung mit der Polizei und der Schulaufsicht von mir nicht abgesagt. Als Unterstützung wurde zugesagt, dass die Polizei am 20.11.07 in der Schule präsent ist. Die Schulaufsicht machte zur Auflage, dass das Schulgebäude nur nach Kontrolle betreten werden durfte.

Endlos waren die Gespräche mit dem Kollegium, Anrufern, Schülern und besorgten Eltern. Der Verursacher hat Angst und eine unstabile Lage erzeugt! Im Krisenstab der Schule wurde nachmittags die Situation noch einmal beraten. Wir waren alle erleichtert, dass nichts Schreckliches passiert war. Dank gilt allen, die partnerschaftlich und verlässlich den schwierigen Tag bewältigt haben.

Nachbetrachtend ist es ein sehr hektischer, unproduktiver und für unsere Schule auch ein unwürdiger Tag gewesen. Letztlich sind hunderte Unterrichtsstunden ausgefallen, die besonders im Hinblick auf die zentralen Prüfungen dringend notwendig sind. Wichtige grundlegende Gespräche mit unseren Schülerinnen und Schülern über den Vorfall konnten nicht geführt werden.

Die Gedanken kreisen immer noch um die zentrale Frage: wer war der Verursacher, was geht im Kopf einer solchen Person vor? Wie kann es dazu kommen, den Mitschülern, den besorgten Eltern und Lehrern oder allgemein der Schulgemeinde so etwas zuzumuten? Sind wir denn nicht alle Helfer der uns anvertrauten Jugend?

Wie oft erlebe ich in den vielen Konferenzen der letzten 32 Dienstjahre, in denen ich den Betrieb Schule kennen gelernt habe und schon viele Jahre leite, wie unsere Lehrerinnen und Lehrer Schülern durch die Prüfung helfen - man spürt regelrecht in den aufwendigen Prüfungen wie unsere Lehrkräfte manchmal mitzittern, dass die Prüfung bestanden wird. Und nun so etwas. Wie werden wir von unseren Schülern wahrgenommen?

Geblieben ist ein schlechter Nachgeschmack und - vielleicht besser ausgedrückt - eine Hilflosigkeit, die aber besonders deutlich macht wie sehr wir auf Hilfen, gegenseitige Informationen und vor allem auf das gegenseitige Vertrauen angewiesen sind.

Geblieben ist aber auch Dankbarkeit gegenüber denen, die mitgeholfen haben die schwierige Situation zu meistern, nicht zu kneifen und nicht so schnell wie möglich die Schule zu verlassen. Einer unserer Hausmeister, der eigentlich Urlaub hatte, rief abends um 22.00 Uhr an und sagte zu, seinen Urlaub zu verschieben, um am Krisentag in die Schule zu kommen.

Es gibt und es gab unterschiedliche Bewertungen. Von der Position „bei Drohungen generell die Schule schließen“ bis hin zu solche „Schmierereien“ einfach zu ignorieren. Wir haben uns für den oben dargestellten Weg entschieden. Wer der Narrheit Tür und Tor öffnet und weitere Deformationen zulässt, verliert letztlich noch mehr Vertrauen, das aber für ein sicheres und menschenwürdiges Miteinander so wichtig ist.

Diese Zeilen schreibe ich aber auch mit der Absicht und dem Appell an alle in der Schulgemeinde dem vertrauensvollen MITEINANDER künftig mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich weiß nicht, ob hier soziale Kontrolle das richtige Wort ist. Sicher bin ich mir aber, dass wir nur gemeinsam und durch Wachsamkeit Schlimmeres verhindern können. Unbedingt sollten alle Gewaltandrohungen unverzüglich an den Vertrauenslehrer, Klassenlehrer oder an die Schulleitung weitergeleitet werden.

Helfen Sie nach besten Kräften mit, den Verursacher ausfindig zu machen. Der Verursacher braucht vielleicht selbst Hilfe. Welches Leid über die Betroffenen und die Familien bei Amokläufen gekommen ist, ist Ihnen bekannt. Das Leid dauert oft lebenslang! Die Amokdrohung ist eine schwere Verfehlung und Straftat. Sie ist eigentlich auch eine Vorstufe von Gewalt, die oftmals unreflektiert nur mal so geäußert wird - an der Wand in der Toilette, im Treppenhaus der Schule und oft unzählige mal auf den Handys. Durch die Gewalt in den Medien, die ohne Hemmungen Gewalt produzieren und ständig in neuen sensationellen Formen anbieten, gehen verwerfliche Impulse aus, die junge Menschen durch den ständigen Konsum behindern vernünftige Sozialformen und eine soziale Persönlichkeit zu entwickeln.

Was ist mit der Gesellschaft los? Eine arme/reiche Gesellschaft, die in mehr Wettbewerb und Leistungsdruck geraten ist, die ständig und besonders die Jugend fordert,  exzellente Leistungen zu erbringen, ist auch für die seelische Verfassung dieser jungen Menschen verantwortlich. Kann aber der seelische Prozess der Schnelligkeit der Konsum-Leistungs- und Mediengesellschaft wirklich folgen? Wie viel Zeit müssen heute die Erzieher in Kindergärten und unsere Lehrer aufbringen, um die Arbeitsfähigkeit für das soziale Miteinander herzustellen? Gelingt die Kommunikation überhaupt noch ohne enorme Anstrengungen in den multikulturellen und heterogenen Klassenverbänden? Jeder Praktiker weiß wie schwer das ist!

Aber wie sehen die Unterstützungen denn wirklich aus? In allen pädagogischen Einrichtungen müssten Sozialarbeiter und Psychologen Dienst tun, um die großen Erziehungsdefizite und Aggressionen zu begrenzen. Es ist hierbei eher 5 nach 12 als 5 vor 12!

Zum Schluss meiner Gedanken will ich Sie alle ganz bescheiden und aufrichtig bitten mehr noch als bisher menschlich, vor allem aufrichtig und anständig miteinander zu reden und zu arbeiten. Mit einem Satz, den jeder kennt und manch einer leider nicht anwendet, ist eigentlich alles gesagt, weil er für gelingendes Miteinander unverzichtbar ist - in der Familie, unter Freunden, in der Schule, im ganzen Land und in der internationalen Begegnung der Völker:

Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!

Weilburg, 21. November 2007

Ottmar Seibold
Schulleiter

 

 

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