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Geschichte der Wilhelm-Knapp-Schule
von 1846 bis zur Gegenwart

I. 1846 - 1945: Anfänge

Übersicht: Der Gewerbeverein Weilburg gründet eine Sonntagsschule; es entsteht die gewerbliche und Mädchen-Fortbildungsschule; die Berufsschulpflicht wird eingeführt; die “Ära Knapp” beginnt; eine kaufmännische Schule wird eingerichtet; das “Dritte Reich” hinterläßt seine Spuren; das Problem der Splitterberufe ist bereits bekannt; während des 2. Weltkrieges wird der Unterricht nur notdürftig erteilt.

1846

Am 26. April 1846 treten Gewerbetreibende und Freunde des Gewerbewesens in Weilburg dem Gewerbeverein für das Herzogtum Nassau bei. In einem "Prospekt" kündigt dieser Zweigverein die Gründung einer Sonntags- und Abendschule und die Errichtung eines "Lesecabinetts" für gewerbliche Zwecke an. Unterrichtsfächer sind geschäftliche Aufsätze, Arithmetik und Geometrie, sowie Hand- und Planzeichnen. Der Unterricht wird durch Elementarlehrer (erwähnt wird der Lehrer Roth) erteilt.

Auch die Erwachsenenbildung soll gefordert werden: in Versammlungen des Vereins werden gewerbliche Zeitfragen zur Sprache gebracht, außerdem werden populäre Vorträge, z. B. über Chemie mit Experimenten gehalten.

1866/67

Auch nach der Annektierung des Herzogtums Nassau durch Preußen und die Übernahme der Verwaltung in diesen Jahren führt der Gewerbeverein seine Arbeit in der offensichtlich bewährten Weise fort. Die Unterrichtspalette wird erweitert und zeigt bereits Ansätze einer Aufteilung in die klassischen gewerblichen, hauswirtschaftlichen und kaufmännischen Bereiche. Es gibt eine Sonntags- und Wochenzeichenschule, eine Gewerbeabendschule mit den Fächern Rechnen und Buchführung, geo metrische Flächen- und Körperberechnung, dazu Deutsch und Schönschreiben.

Ab September 1866 kommt hinzu der Unterricht für Mädchen im Sticken, Nähen und in der Weißzeugarbeit, den die Witwe des Schuhmachermeisters Bauer erteilt. Es scheint, daß dieses Angebot großen Zuspruch hat, verspricht es doch eine der wenigen gehobenen beruflichen Qualifizierungen für Mädchen. Aus dieser "Mädchen-Fortbildungsschule" geht wohl der bis nach dem 2. Weltkrieg bekannte Stand der Handarbeitslehrerinnen hervor.

Fortbildungsschulen gibt es auch in den ländlichen Gebieten des Oberlahnkreises, der in die Schulbezirke Löhnberg, Merenberg, Runkel, Villmar, Aumenau, Weyer, Münster, Wolfenhausen, Weilmünster, Schupbach, Obertiefenbach, Mengerskirchen, Weinbach und Philippstein eingeteilt ist. Die Unterrichtsfächer sind dort im wesentlichen handwerklich-
technisches Zeichnen und Dezimalrechnen mit Anwendungen für den ausgeübten Beruf. Als Lehrer werden die örtlichen Berufsschullehrer und für das technische Zeichnen befähigte Handwerksmeister eingesetzt.

1917

Wird der Unterricht bis dahin nebenberuflich erteilt, so werden vom Gewerbeverein auch schon hauptamtliche Lehrkräfte eingestellt. Als erste erhält Frau Gertrud Schwenzfeier (verh. Utescher) einen Anstellungsvertrag mit Ruhestandsberechtigung.

Der Unterricht kann in Weilburg nicht mehr in den Volksschulen, sondern nur noch in sog. Notunterrichtsräumen gehalten werden, so z. B. in der Pfarrgasse im jetzigen Haus Deißmann. Weitere Lehrkräfte in dieser Zeit sind die Gewerbelehrerinnen Baurhenn, die Meisterinnen Bandau, Plock und Spies.

1921

Es beginnt die "Ära Knapp". In diesem Jahr wird der Gewerbelehrer Wilhelm Knapp, von der Wetzlarer Berufsschule kommend, hauptamtlich angestellt, nicht mehr vom Gewerbeverein, sondern von Stadt und Kreis. Er wird Leiter der zuvor durch Beschlüsse der Weilburger Stadtverordneten-
versammlung und des Kreisausschusses gegründeten gewerblichen und Mädchen-Fortbildungsschule. Außerdem wird ihm die Aufsicht über die ländlichen Bezirke der Fortbildungsschulen übertragen.

Der Unterricht findet an verschiedenen Orten statt: im Alten Rathaus, in der Hainkaserne (Alte Kaserne) und im Heimatmuseum (jetziges Bergbaumuseum!). Dem Schulleiter stehen als Lehrkräfte der Volksschullehrer Schönwetter, die Unteroffizierlehrer Dollina und Kurzrock, der Schneidermeister Schäfer und die Lehrerinnen Schwenzfeier, Baurhenn, Lappe, Geis und Megges zur Verfügung.

1922

Der Kreis erläßt eine Satzung für den Besuch gewerblicher Schulen und verankert in dieser die Berufsschulpflicht. Der bis dahin bestehende Gewerbeverein löst sich auf. Die Schulträgerschaft geht auf den Kreis über. In der Hainkaserne wird durch Peter Dietz eine private kaufmännische Schule eröffnet, in der in Tages- und Abendlehrgängen Buchführung, Wechsel- und Scheckkunde, Kaufmännisches Rechnen, Stenographie, Maschinenschreiben, Briefverkehr, Schönschrift, Rundschrift, Deutsch, Bankkonto-Korrent, Vermögensverwaltung und Bilanzlehre unterrichtet wird.

1924

Der Unterricht wird nur noch in der Hainkaserne gehalten. Es können "Fachräume, d. h. eine Küche und ein Nähraum, installiert werden.

1926

Im Amtlichen Kreisblatt vom 2. März werden die verschiedenen Schulformen und Lehrgänge der Mädchen-Berufsschule vorgestellt.

Das Kollegium wird um weitere hauptamtliche Lehrkräfte erweitert: hinzu kommen die Gewerbelehrerinnen Aenne Niemeyer, Toni Kurz, Martha Zimmermann (verh. Weber), Käthe John und Gertrud Heider. Nebenberufliche Lehrkräfte in der gewerblichen Schule sind die Handwerksmeister Hoffmann (Schneider), Brinkmann (Metzger), Fürbeth (Friseure) und Schamp (Schuhmacher).

Die Schule zieht, dies ist eine Verbesserung, in die Neue Kaserne (jetzt Staatl. Technikerschule) um.

1934/35

In einer im Auftrag des Landrats Lange angefertigten Studie gibt Wilhelm Knapp eine Zustandsbeschreibung des öffentlichen Berufs- und Fachschulwesens im Oberlahnkreis. Darin mahnt er als wesentliche organisatorische Änderung die Übertragung der Trägerschaft der gemeindlichen Schulverbände auf den Kreis an.

Bemerkenswert ist auch das als  zusätzlicher Berufsinhalt erwähnte Fach Staatsbürgerliche Erziehung und Staatsbürgerlicher Unterricht, eindeutig als  Konzession an den Zeitgeist des 3. Reiches zu sehen.

Die Gliederung in Klassen nach den gelernten Berufen deutet hier das Problem mit dem die Berufsschule in Weilburg seit jeher zu kämpfen hatte, an:  die Vielzahl der Berufe, besonders auf dem gewerblichen Sektor, also das Problem der Splitterberufe!

Die Fachschulen für Mädchen bleiben in ihrer seitherigen Form bestehen, "weil die günstige Entwicklung derselben offenbar das Bedürfnis begründet" (Zitat Knapp).

Entsprechend differenziert ist die Forderung nach den gemäß der geplanten Schulorganisation benötigten Lehrkräfte.

Die Schulleitung aller beruflichen Schulen im Kreis soll zentralisiert werden. Auch das Prüfungswesen wird in die Planung mit einbezogen.

Weil diese hochgesteckten Ziele zu ihrer Verwirklichung auch entsprechender verbesserter äußerer Bedingungen bedürfen, betreibt Wilhelm Knapp mit aller Kraft den Bau eines eigenen Gebäudes für die beruflichen Schulen. Planungen bereits aus dem Jahr 1934 sehen als Standort das Gelände auf dem Dill vor. Sie gedeihen bis zu Anfertigungen von Zeichnungen.

Zunächst aber kommt es, was dies anbetrifft, zu einem großen Rückschlag. Um die neue Kaserne fair den Reichsarbeitsdienst freizumachen, wird die Berufsschule kurzerhand ausquartiert. Eines Morgens finden Lehrer ihre Einrichtungen auf dem Hof.

Man kehrt wieder in die Hainkaserne zurück und benutzt außerdem wieder das Heimatmuseum und einen Teil des jetzigen Straßenbauamtes. Gesetzlich ist die Berufsschule durch die am 1. Mai 1935 in Kraft getretene Schulsatzung über die Berufsschulpflicht im Oberlahnkreis, die den Vorstellungen Wilhelm Knapps folgt, abgesichert. Diese enthält auch eine Schulordnung, aus der, weil bemerkenswert, die Strafbestimmungen dokumentiert seien.

Das Kollegium wird, insbesondere im gewerblichen Bereich, erweitert. Neu eingetreten sind die Gewerbelehrer Fritz Bäppler, Hermann Schulz, Ferdinand Breithecker (2. Schulleiter nach Wilhelm Knapp) und Georg Weißmüller (gefallen im 2. Weltkrieg).

1939-1945

Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges werden die Kollegen Schulz, Weißmüller und Breithecker zum Kriegsdienst eingezogen. Zurück bleibt ein Rumpfkollegium bestehend aus dem Schulleiter Knapp, dem weiteren einzigen männlichen Lehrer Bäppler und den Gewerbelehrerinnen Kurz, Niemeyer, Baurhenn, Zimmermann-Weber und Bachmann, verstärkt durch die Aushilfskräfte Reusch, Kollischon, Dietrich, Hempel und Schick. Der Unterricht kann nur notdürftig erteilt werden.

1944/46

Von Dezember 1944 bis 21.1.1946 bleibt die Berufsschule geschlossen. Die Lehrer werden in der Verwaltung des Landratsamtes bzw. des Wirtschaftsamtes beschäftigt. Das Schulgebäude Hainkaseme dient in dieser Zeit als Lazarett, SS-Quartier, Internierungslager für Kriegsgefangene, dann fair NS-Aktivisten, später als Volksküche und für Notwohnungen.
Mit dem Beginn des Schuljahres 1946/47 beginnt wieder der Berufsschulunterricht.

Text: Steffen Watz

 

 

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