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Geschichte der Wilhelm-Knapp-Schule
von 1846 bis zur Gegenwart

II. 1946 - 1958: Neuaufbau

Übersicht: Neubeginn unter schwierigen Bedingungen; wachsende Schülerzahlen; Wilhelm Knapp; Spatenstich an der Frankfurter Straße; über 2000 Schüler; Beginn der “Ära Breithecker”.


1946-1950

Nach dem vollständigen Darniederliegen der Berufsschule von Dezember 1944 bis Januar 1946 vollzog sich der Neubeginn unter äußerst schwierigen Bedingungen. Ein Zeitzeuge, der Kollege Erich Höhler, beschreibt diese Zeit folgendermaßen:

"Durch die Rückkehr vieler Kriegsteilnehmer, die ihre Berufsausbildung noch gar nicht begonnen oder die Lehre hatten abbrechen müssen, um im Kriegseinsatz Dienst zu leisten, durch die kinderreichen Volksschulabgängerklassen und das Streben nach einer Handwerkerlehre als Existenzsicherung nahmen die Anmeldungen zur Berufsschule eine neu dagewesene Dimension an. So gab es z.B. annähernd 100 Schuhmacherlehrlinge.

Unter großen Schwierigkeiten wurde in den notdürftig reparierten Räumen der Alten Kaserne nach und nach der provisorische Unterricht aufgenommen. Es mangelte an Unterrichtsräumen, Mobiliar, Lehrkräften, Schreib- und Zeichenmaterial, Lehr- und Anschauungsstücken, Lehrplanen und natürlich an finanziellen Mitteln. Alles mußte behelfsmäßig gebraucht oder neu beschafft werden. Improvisieren war die damalige Lösung. Da es fast kein Schreibpapier gab, wurden Bücher aus den USA, die zur Umerziehung des deutschen Volkes gedacht und wegen der schlechten Papierqualität nur einseitig bedruckt waren, auseinandergerissen und die Rückseiten als Schreibpapier verwendet. Dies nur als Beispiel".

Notwendigerweise wurde das Kollegium erweitert. Ins Kollegium traten Angela Schmitt, Lore Neinhardt, Liesl Rippl, Gertrud Heider, Käthe John, W. Siegfried, Erich Höhler, Heinz Bernhardt, Wilfried Klick, Albert Luther und Karl Winkler ein. Aus der Kriegsgefangenschaft kehrten Hermann Schulz und Ferdinand Breithecker an die Schule zurück.

Ihr wurden im Zuge des Neuaufbaus in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftsschule in der Frankfurter Straße zusätzlich ein Seminar zur Weiterbildung landwirtschaftlicher Lehrer angegliedert. Dort unterrichteten die Landwirtschaftsräte Dr. Klee, Dr. Manskopf und Dr. Pohlenz, ferner die Gewerbelehrer Jost, Höhler und Klick.

Der großen Nachfrage wegen wurde eine zweijährige kaufmännische Handelsschule eröffnet. Dafür  brauchte man wieder Lehrer. Namen aus dieser Zeit, den meisten noch wohlbekannt: Paul Söhngen als Leiter, dazu die Kolleginnen Martha Kappstein, Käthe Grauer und Lieselotte Schwarz, ferner der Philologe Dr. Rudolf Mainzer, der später ans Gymnasium wechselte.

Von heute leider nur noch historischem Interesse ist es, auf die landwirtschaftliche Berufsschule einzugehen, die Schulform die für fast zwei Jahrzehnte zahlenmäßig der größte Teil der Berufsschule im Oberlahnkreis war. Was über die schwierige Situation in den Nachkriegsjahren gesagt wurde, traf hier besonders zu. Die meisten Volksschulentlassenen in dieser Zeit wurden Landwirtschaftsschüler. Sie erhielten drei Jahre lang wöchentlich Nachmittagsunterricht in Volksschulen. Die Lehrkräfte hatten nicht nur den Unterricht in den allgemeinbildenden, land- und hauswirtschaftlichen Fächern zu organisieren und zu gestalten, sie mußten oft auch weite Wegstrecken zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Bus zurücklegen, um zu den Schulorten zu gelangen.

Die Berufsschullehrerinnen und -lehrer haben hier Schwerstarbeit geleistet: die Kolleginnen Rippl, Heider, John und der Kollege Klick an den verschiedenen Außenstellen: Weilmünster, Winkels, Schupbach, Runkel und auch an der Kreisberufsschule. Mit dem zeitbedingten Rückgang dieses Schulzweiges - die letzte Klasse in Weilburg lief im Schuljahr 1967/68 aus - wurden die Lehrkräfte in anderen Abteilungen und Fächern eingesetzt, überwiegend in der ernährungswirtschaftlichen Abteilung.

1951 - 1958

Der Aufschwung der Berufsschule bedingte vor allem eines: einen Schulneubau für die ständig wachsende Schülerzahl. Planungen hatte es schon im Jahre 1934 gegeben; ihr Verwirklichung war den Zeitläufen zum Opfer gefallen. Sie wurden wieder aufgenommen, dafür sorgte der rastlos tätige Schulleiter Wilhelm Knapp, und in Zusammenarbeit mit Kreis und Staatsbauamt durchgeführt. Überlegungen, die Alte Kaserne auszubauen, wurden schnell fallen gelassen. 1952 erfolgte der "motorisierte" 1. Spatenstich auf dem heutigen Schulgelände an der Frankfurter Straße.

Vorgesehen war ein Neubau in zunächst 3 Abschnitten, deren erster, der heutige A-Bau, direkt an der Frankfurter Straße gelegen, den Anfang bildete. Dazu ein Ausschnitt aus einem Artikel des Weilburger Tageblattes anläßlich dieses Ereignisses:

"Für den Oberlahnkreis bedeutet die Errichtung der Kreisberufsschule eine sehr starke finanzielle Belastung, die alle seine Reserven über Jahre hinaus beansprucht. Wenn er dieses große Bauvorhaben beschloß, dann vor allem deshalb, weil Kreistag und Kreisausschuß von der grundlegenden Bedeutung einer guten Ausbildung des jugendlichen Nachwuchses in Handwerk und Gewerbe überzeugt sind."

Und dann ein Hinweis auf ein altes, aber immer aktuelles Problem:

"Der industriearme Oberlahnkreis kann diesen Nachwuchs selbst kaum aufnehmen, man will ihm daher die Chance geben, aufgrund einer intensiven, allen modernen Gesichtspunkten Rechnung tragenden Schulung und Ausbildung in der Industrie der Nachbarkreise bevorzugte Stellen einnehmen zu können".

Wilhelm Knapp hat die Einweihung der neuen Schule nur noch als Pensionär erlebt. Ferdinand Breithecker, seit 1951 Schulleiter, war es vergönnt, die Schule aus ihrem Notdomizil in der Alten Kaserne in den Neubau an der Frankfurter Straße zu führen. In einer Sitzung der Berufsschulkommission gibt er zuvor einen Zustandsbericht, der die bisherige räumliche Misere voll erkennen läßt.

"Die zur Zeit noch in der Alten Kaserne untergebrachte Kreisberufsschule zählt über 2000 Schüler, die in zehn Räumen von zusammen 24 Lehrern unterrichtet werden. Der gewerbliche Zweig umfaßt in 25 Klassen 814 Schüler, in der Abteilung Hauswirtschaft gibt es 5 Klassen mit 172 Schülern, auf dem kaufmännischen Sektor werden in 8 Klassen 227 Schüler unterrichtet und schließlich in der landwirtschaftlichen Abteilung 620 Schüler in 25 Klassen. Außerdem zählen 4 Fachklassen der bergmännischen Berufsschule zusammen 216 Schüler, so daß im ganzen 2049 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden."

Die Raumnot, die bis dahin noch den schwierigen und unrentablen Nachmittagsunterricht erzwang, sollte durch den Neubau behoben werden. Dieser sollte, wenn die beiden ersten Bauabschnitt fertiggestellt waren, 16 Klassenräume in der Größe von je 6,50 x 9,75 m (also rd. 64 qm) umfassen und mit je einem Lehrmittelraum ausgestattet sein. Zwei Küchen mit Eßraum, Waschküche, Trocken- und Bügelräume, ein Schreibmaschinensaal und Werkstätten für die verschiedenen Berufe sollten die Grundlage für eine erfolgreiche und ersprießliche Arbeit in der Schule schaffen.

1953 war Richtfest für den 1. Bauabschnitt. Bei diesem hielt der Staatsminister a.D. Albert Wagner eine bemerkenswerte Rede. Er sei der Meinung, daß sich das in diese Schule investierte Geld reichlich durch sittlich-ethische Werte verzinsen werden, die durch diese vermittelt werde. Jede Schule sei ein ökonomisch-wirtschaftliches Unternehmen, für das man nicht genug tun könne. Die Einweihung im Jahr 1954 wurde groß gefeiert. Die Gratulationscour verzeichnete die Namen der Prominenz dieser Zeit: Staatsminister a.D. Albert Wagner, Landrat Schneider, Bürgermeister Lehmann, Oberbaurat Maiwald, Syndikus Dr. Herborn von der IHK Limburg, Oberschulrat Hennig (der spätere Kultusminister), Handwerksobermeister Fetz, die Pfarrer Dr. Freiburg und Dietz. Sie fand in der Eingangshalle statt, die als künstlerischen Schmuck die heute kaum noch beachteten Sgrafitto-Wandbilder des Kunstmalers Müller-Erbach zeigt. Der 1. Bauabschnitt, das sogenannte Hauptgebäude, war an sich nur für die Berufsausbildung der Mädchen und die kaufmännische Abteilung gedacht. Diese beiden Abteilungen waren damit über Jahre zufriedenstellend versorgt. Nicht so die gewerbliche Abteilung mit ihrer Vielzahl von Berufsfeldern: den Maschinenschlossern, Betriebsschlossern, Schmieden, Drehern, Fräsern, Spenglern, Installateuren, Elektrikern, Kfz.-Mechanikern, Tankwarten, Maurern, Schreinern, Zimmerleuten, Anstreichern, Friseuren usw., nicht zuletzt den Bergknappenlehrlingen und den Landwirten.

Für diese mußte der 2. Bauabschnitt so schnell wie möglich folgen. Am 12.12.1956 feierte man Richtfest im "Lord", am 18.04.1958 die Einweihung, bei der Oberschulrat Prof. Dr. Monsheimer, die Festrede hielt. Dieser 2. Bauabschnitt, der sog. B- Bau, war ein kleineres Gebäude mit etwa einem Drittel des Bauvolumens des Hauptgebäudes, das mit diesem durch einen zugleich als Pausenhalle dienenden Gang verbunden war. Es enthielt 6 Lehrsäle mit angrenzenden Demonstrationsräumen, dazu im Untergeschoß zwei Werkstätten, die auch als Lehrsäle benutzt werden konnten. In Abänderung des ursprünglichen Planes, wurde der B-Bau noch um eine Aule entlang der Pausenhalle und um ein 2. Lehrerzimmer speziell für die gewerbliche Abteilung erweitert. Nach der glücklichen Vollendung dieser beiden Bauabschnitte, denen ja noch zwei folgen sollten, schienen der gute Wille und vor allem die finanziellen Möglichkeiten im Oberlahnkreis erschöpft. War der 1. Bauabschnitt im Jahre 1954 noch mit 750.000,- DM abgerechnet worden, so kostete der 2. Abschnitt im Jahre 1958 schon 700.000,- DM ohne Ausstattung gegenüber den ursprünglich veranschlagten 300.000,- DM.

So kam es, daß der Bau der Werkstätten, ohne die eine moderne Berufsschule kaum vorstellbar ist, bei der Einweihung des B-Baus nur für fernere Zeiten in Aussicht gestellt wurde. Es sollte noch rund 12 Jahre dauern, bis am 26.10.1970 auch dieser 3. Bauabschnitt, der sogenannte C-Bau, seiner Bestimmung übergeben wurde.

Text: Steffen Watz


 

 

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