Schüler begeisterten mit „Emilia Galotti – Macht kennt kein Mitleid"
Der Kurs „Darstellendes Spiel" des Beruflichen Gymnasiums der WKS präsentierte Lessings Drama in einer eigenen Fassung.
Ein Prinz verlangt, eine Gräfin verzweifelt, ein Intrigant lenkt die Fäden, ein Wahrsager blickt hinter die Masken — und mittendrin die tugendhafte Emilia Galotti, die Opfer eines gefährlichen Machtspiels wird.
Der Kurs „Darstellendes Spiel" der Jahrgangsstufe 12 des Beruflichen Gymnasiums (BG) der Wilhelm-Knapp-Schule (WKS) Weilburg führte in der Aula das aus dem Jahr 1772 stammende bürgerliche Trauerspiel „Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing (22. Januar 1729 – 15. Februar 1781) auf. Dabei hatten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Kursleiterin Dr. Astrid Eisbrenner den Inhalt leicht modifiziert und dem Stück den Untertitel „Macht kennt kein Mitleid" hinzugefügt.
Oberstudienrätin Dr. Astrid Eisbrenner, die seit Jahren für abwechslungsreiche und niveauvolle Theateraufführungen an der WKS verantwortlich ist, eröffnete die Veranstaltung und führte die Zuschauer — Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 des BG, Auszubildende des Einzelhandels sowie zahlreiche Lehrkräfte der WKS — in die Handlung ein.
Ein Prinz, eine Verlobte und eine verhängnisvolle Begegnung
Prinz Hettore Gonzaga von Guastalla, glänzend dargestellt von Jan Kramer, herrscht mit absolutistischer Willkür über Guastalla in Oberitalien. Der Regent ist seiner Geliebten, der Gräfin Orsina (Eny Jochum), überdrüssig und verliebt sich in ein junges Bürgermädchen namens Emilia Galotti — in der Rolle brillierte Lya Friedrich — als er diese auf einem Bild sieht.
Emilia trifft beim morgendlichen Kirchgang zufällig auf den Prinzen, der ihr seine leidenschaftliche Liebe bekundet. Die tugendhafte Protagonistin ist jedoch bereits mit dem vom Hofe unabhängigen Grafen Appiani (Paul May) verlobt, und die Hochzeit der beiden steht unmittelbar bevor. Voller Abscheu weist sie Prinz Hettore ab und erzählt alles ihrer Mutter Claudia (Marie Sobbe), die ihr rät, Graf Appiani nichts von den Annäherungen des Prinzen zu erzählen.
Marinellis Intrige
Marinelli (Lucas Weil), der Kammerherr des Prinzen, ist ein intriganter und gewissenloser Höfling, der alles in Bewegung setzt, damit sein Herr die junge Offizierstochter zu seiner Geliebten machen kann. Anders als in Lessings Textvorlage strebt Marinelli in der Weilburger Aufführung selbst die Herrschaft an, indem er den Prinzen wie eine Marionette lenken und später beseitigen will.
Eigenmächtig und in heimtückischer Manier lässt der Kammerdiener die Hochzeitskutsche des Paares überfallen. Bei dem Überfall wird Appiani getötet. Emilia landet im Lustschloss des Prinzen in Dosalo und wird dort von Marinelli eingesperrt. Im Schloss trifft die Titelfigur wieder auf Hettore und weist seine Avancen erneut zurück.
Eine eigene Erfindung: der Wahrsager
Die empörte Gräfin Orsina, die die Intrige des Hofes durchschaut und selbst tief gekränkt ist, will Emilia helfen und sie befreien. Doch die Gefangene kommt ihr zuvor, schlägt Marinelli nieder und irrt, nach einem Ausgang suchend, durch das Schloss. Dabei läuft sie dem Wahrsager (Erik Kessler) in die Arme — eine Figur, die die Kursteilnehmer eigenständig entwickelt haben und die in Lessings Original nicht zu finden ist.
Der Wahrsager gibt Emilia zu verstehen, dass sie trotz ihrer Tugendhaftigkeit nicht frei von Schuld an ihrem Schicksal und dem des Grafen Appiani ist, und zeigt ihr anschließend den Weg aus dem Schloss heraus. Zuvor hatte er bereits dem Prinzen verkündet, dass alles tragisch enden wird, wenn dieser nicht von Emilia ablässt.
Ein tödliches Finale
Voller Wut auf Emilia sucht Prinz Hettore die junge Frau und tötet sie, als er sie findet. Doch sein eigenes Schicksal wird gleich darauf besiegelt, indem ihn Marinelli aus einem Hinterhalt erschießt. Der Kammerherr sieht seinen Plan als gelungen an und fühlt sich als Sieger und Herrscher.
„Macht bekommt man nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Am Ende zählt nur eins: Macht und Einfluss."
— Marinelli fasst die Perspektive zusammen, nach der er gehandelt hat
Wo die WKS-Fassung von Lessing abweicht
Anders verläuft die Handlung in Lessings Originaldrama. Dort ist es Odoardo, Emilias Vater, der seine Tochter auf ihren eigenen Wunsch hin vor Hettores Augen ersticht, da sie nicht den Verführungskünsten des Prinzen von Guastalla erliegen möchte. Der reagiert zwar entsetzt, schiebt aber alle Verantwortung auf Marinelli, verbannt diesen und setzt seine Regentschaft als absolutistischer Herrscher fort.
Lessings berühmtes bürgerliches Trauerspiel der Aufklärung ist eine Gesellschaftskritik an der Willkürherrschaft des Adels und stellt die bürgerlichen Tugenden in den Vordergrund. Dagegen richtet die WKS-Variante den Blick auf skrupellose Machtbesessenheit, die schließlich zum Ziel führt.
Die ganze Aula als Bühne
Zu den Besonderheiten des Dramas zählte neben der phasenweisen Einbeziehung des Publikums in die Handlung auch, dass die Schauspieler nicht nur auf der Bühne agierten, sondern die gesamte Aula als Darstellungsort nutzten. Statt eines Bühnenbildes dienten Bildprojektionen als Hintergrund für die Handlungsorte, und Requisiten wurden nur spärlich verwendet, so dass die Aufmerksamkeit ganz auf der schauspielerischen Darstellung der Schüler lag.
Komplettiert wurde das Ensemble durch Julius Wiedenmann, der als „Graf der Technik" im Hintergrund fungierte. Am Ende der Aufführung wurden alle Darsteller und Dr. Astrid Eisbrenner für ihre Leistung mit reichlich Applaus belohnt.