Erinnern, verstehen, Demokratie stärken
24 Schülerinnen und Schüler mehrerer Weilburger Schulen sowie 4 Begleitpersonen brachen am 11. März zu einer 5-tägigen Studienfahrt nach Linz in Österreich auf – unter der Überschrift „Linz – Als Ort von Rechtem Terror, damals und heute".
Autor: Thomas Magyar
Neben 12 Schülerinnen und Schülern (SuS) der Klassen 11 und 12 aus der Wilhelm-Knapp-Schule fuhren weitere 12 SuS aus der Jakob-Mankel-Schule, dem Gymnasium Philippinum und der Weiltalschule mit dem Verein „Weilburg erinnert e. V." nach Linz. Ziel der Fahrt war die Auseinandersetzung mit der Entrechtung und Ermordung von Millionen Menschen durch das NS-Regime und der Erinnerung an diese Verbrechen sowie die kritische Betrachtung des Umgangs mit den Geschehnissen nach der Naziherrschaft bis zur heutigen Zeit in Österreich.
Tag 1 – Anreise und historischer Stadtrundgang in Linz
Am 11. März ging es früh morgens mit dem ICE in Limburg los. Nach einer mehrstündigen Fahrt kamen wir in Linz an und wurden mit einem historischen Stadtrundgang auf die kommenden Tage in der zweitgrößten Stadt Österreichs eingestimmt. Nach einem gemeinsamen Abendessen hatte die Gruppe die Gelegenheit, den sehr ergreifenden Film „Francisco Boix – der Fotograf von Mauthausen" zu sehen, der die Teilnehmenden auf die kommenden Tage und den Besuch im KZ Mauthausen vorbereiten sollte.
Tag 2 – Voestalpine, Schloss Hartheim und die „Macht der Sprache"
Der zweite Tag begann mit einer Werkstour durch das eindrucksvolle Stahlwerk der Voestalpine und dem Besuch des neuen Zeitgeschichtemuseums der Voestalpine, das sich mit der Aufarbeitung der Werksgeschichte und dem Einsatz von Zwangsarbeitern während der NS-Zeit beschäftigt.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen besuchte die Gruppe den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim. Hier wurden während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Österreich tausende Behinderte, Kranke und Kriegsgefangene systematisch getötet. Erschreckend war der Kontrast zwischen der wunderschönen Landschaft mit einem hübschen Renaissanceschloss und dem grausamen Treiben der SS hinter den Mauern des Anwesens. Nach der Besichtigung der Ausstellung „Vom Wert des Lebens" hatten die SuS die Gelegenheit, in einem Workshop über die „Macht der Sprache" viele interessante Einblicke über den Umgang mit Sprache in diktatorischen Systemen zu gewinnen.
Tag 3 – KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Der dritte Tag widmete sich komplett dem Lager und der Gedenkstätte KZ Mauthausen. Die KZ-Gedenkstätte bewahrt hier die Erinnerung an die Opfer der Naziherrschaft in Österreich, wo sich während des 2. Weltkriegs allein mehr als 40 Zweig- und Außenlager des „Stammlagers" Mauthausen befunden haben.
„Rund 200.000 Menschen waren in diesem KZ-System gefangen, mehr als 90.000 Menschen überlebten die Haftbedingungen und die Zwangsarbeit nicht." Quelle: Infobroschüre der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Unsere Gruppe bekam zunächst von der hervorragend ausgebildeten Gedenkstättenpädagogin Marlene Wöckinger eine sehr umfangreiche Führung durch die einzelnen Bereiche des KZ. Nach einer eigenständigen Erkundungsphase durch die SuS trafen wir uns wieder und beschäftigten uns in einem Workshop mit den Lebensgeschichten der Insassen: Wer waren die Opfer? Wer die Täter? Woher kamen sie? Was ist mit ihnen passiert? Wer hat von diesen Verbrechen gewusst?
Die SuS nahmen nach diesem Tag sehr viele Eindrücke aus der Gedenkstätte mit zurück nach Linz. Allein die schiere Größe des Lagers und die geplante Unmenschlichkeit durch das Terrorregime mussten erst einmal verarbeitet werden. Gedenkorte wie der „Raum der Namen", ein abgedunkelter Raum mit 84.000 Namen von ermordeten Menschen und ihrer Herkunft, werden den SuS sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.
Tag 4 – KZ Gusen: „Das unsichtbare Lager"
Am vierten Tag ging es in das Außenlager des KZ Mauthausen, den Gedenkort KZ Gusen. In diesem Lager betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines Gefangenen nur zwei Monate. Das Doppellager Mauthausen / Gusen wurde 1941 in die „Lagerstufe 3" eingeordnet, welche die härtesten Haftbedingungen vorsah. In mühevoller Handarbeit, ohne große technische Geräte, mussten hier Häftlinge in einem Granitsteinbruch Steine für die Prachtbauten des Nazi-Regimes herausbrechen, bearbeiten und verladen.
Aufgrund zunehmender Luftangriffe ab 1944 durch die Alliierten mussten die Gefangenen unter unmenschlichen Bedingungen die Stollenanlagen „Kellerbau" und „Bergkristall" errichten, damit die Produktion kriegswichtiger Güter unterirdisch fortgesetzt werden konnte.
Besonders eindrucksvoll für unsere Gruppe war, dass das damalige KZ heute fast gänzlich verschwunden ist, da man nach dem Krieg sämtliche Baracken und Bauten schnell abreißen ließ. Heute befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen Lagers nur noch der Lagereingang, wenige Baracken der SS und der Ofen des Krematoriums. Ansonsten wurde auf der Fläche eine ganz gewöhnliche Wohnsiedlung errichtet. Zwischen Obstbäumen und Gartenzwergen kommen noch heute bei Bau- und Gartenarbeiten – z. B. für Pools – Knochenfragmente der damaligen Opfer zum Vorschein.
Diese Tatsache verwirrte unsere Gruppe sehr und wir fragten uns, was das für Menschen sind, die dort heute leben können: Wie kann man im Bewusstsein einer so schrecklichen Vergangenheit leben, feiern und Kinder groß ziehen? Unsere Führung hieß daher auch treffenderweise „Das unsichtbare Lager". Durch die vermeintliche Unsichtbarkeit und die erschreckenden Geschichten über dieses Lager wurde der Eindruck, den das KZ Gusen ausübte, noch viel intensiver und bedrückender als der Besuch des KZ Mauthausen am Vortag. Es wird daher sicherlich allen Teilnehmenden noch lange in Erinnerung bleiben.
Tag 5 – Rückreise und Verantwortung für die Demokratie
Am nächsten Tag ging es in der Frühe zurück nach Weilburg. Im Gepäck waren viele intensive, belastende Eindrücke, Gespräche, aber auch schöne Momente. Den SuS wurde klar, welche Verantwortung heute bei uns liegt, dass sich so etwas Unmenschliches nie wieder entwickeln kann und wie kostbar diese kleinen Pflänzchen „Demokratie" und „Menschenrechte" sind. Es gibt leider zurzeit wieder viele Stiefel, die bereit stehen, diese Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu zertreten.
Ich denke aber, dass die Teilnehmer dieser Fahrt – dank der hervorragenden und engagierten Arbeit des Vereins „Weilburg erinnert e. V." und seines Vorsitzenden Markus Huth – zu Botschaftern der Demokratie geworden sind.
„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan."
— Michael Köhlmeier, österreichischer Schriftsteller
(Zitat entdeckt im Schloss Hartheim)
Bilderreihe
Eindrücke der Studienfahrt – Schloss Hartheim, KZ Mauthausen und KZ Gusen.
Ein herzlicher Dank geht an den Verein „Weilburg erinnert e. V." und seinen Vorsitzenden Markus Huth für die hervorragende Organisation und engagierte Begleitung dieser eindrucksvollen Studienfahrt.